Was ist Fakt in der Landwirtschaft ?

Fragen und Antworten

Agrarfakten - Tierhaltung   Ist die Nutztierhaltung notwendig und verantwortbar?   (11.10.2015)

Gerhard Breitschuh, Steffen Hoy, Thomas Blaha und Dirk Hesse

  1.   Wie hat sich die Tierhaltung in Deutschland entwickelt?   
  2.  Woraus resultieren die zunehmend kritischen Stimmen zur modernen Tierhaltung? 
  3. Welche Nutztierarten werden in Deutschland und in welchem Umfang gehalten?
  4. Es bestehen in Deutschland große regionale Ungterschiede bezüglich des Tierbesatzes. Was sind die URsachen und Folgen?
  5. Werden diese Tierbestände für die Ernährung der deutschen Bevölkerung benötigt?
  6. Wenn Deutschland sich selbst versorgen kann, weshalb werden dann überhaupt neue Ställe gebaut?
  7. Über Jahrzehnte ist die Milchleistung je Kuh und Jahr ständig gestiegen. Welche Ursachen hat diese Leistungssteigerung?
  8. Weshalb werden die Tierbestände je Anlage immer größer?
  9. Gibt es Unterschiede bezüglich der Tiergerechtheit zwischen den Tierarten und Nutzungszielen?
  10. Wie ist der Zusammenhang zwischen Bestandsgröße und dem Wohlbefinden der Tiere?
  11. I st der heutige im europäischen Vergleich relativ hohe Antibiotikaeinsatz pro Tier in Deutschland „Antibiotikamissbrauch"?  
  12. Gibt es Standards zu Stallplatzgröße und –ausgestaltung? Sind die Rechtsvorschriften zur Tiergerechtheit ausreichend?
  13. Wie hoch ist der viel diskutierte Treibhausgasausstoß der Rinder im Bezug zur Gesamtemission Deutschlands?
  14. Gibt es Möglichkeiten, das Wohlbefinden von Nutztieren objektiv zu beurteilen?
  15. Ist der Begriff „Massentierhaltung“ zielführend?
  16. Fazit
  17. Literatur
     

Die Fragen und Antworten finden Sie zum Ausdrucken in der pdf-Datei: AF Tier 40 20151011.pdf (215034)

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Agrarfakten - Tierhaltung  Ist die Nutztierhaltung notwendig und verantwortbar?

Gerhard Breitschuh, Steffen Hoy, Thomas Blaha und Dirk Hesse
 

Die Tierhaltung in Deutschland dient vor allem dazu, den aktuellen nationalen Bedarf an tierischen Erzeugnissen zu decken. Meinungen, dass dieser Bedarf, insbesondere der Fleischverzehr, viel zu hoch sei, und aus gesundheitlichen bzw. ethisch-moralischen Gründen eine Reduzierung oder gar der Verzicht auf tierische Nahrungsmittel zu fordern seien, sind keine landwirtschaftlichen Fragestellungen. Die Landwirtschaft kann sich stets nur am Bedarf absetzbarer Produkte orientieren und die Struktur und den Umfang der Tierhaltung an diesem ausrichten.

Im Allgemeinen steigt der Verbrauch an tierischen Erzeugnissen mit dem Wohlstand einer Gesellschaft. Das kann sich aber durchaus im Zuge gesellschaftlicher Debatten ändern. Laut nationaler Verzehrstudie sinkt in Deutschland der Fleischkonsum, da insbesondere die gebildete und einkommensstarke Bevölkerungsschicht beginnt, den eigenen Fleischverzehr zu reduzieren.

Die Nutztierhaltung ist seit Anbeginn integraler Bestandteil der Landwirtschaft, leistet einen wesentlichen Beitrag zur menschlichen Ernährung, dient der Wertschöpfung landwirtschaftlicher Betriebe und sichert die Pflege der Kulturlandschaft über die tierische Veredelung. Hinzu kommt, dass ein Drittel der deutschen und zwei Drittel der globalen Landwirtschaftsfläche absolutes Grünland sind, dessen Nutzung für die menschliche Ernährung aus heutiger Sicht nur über die Tierhaltung möglich ist.

Seit einiger Zeit mehren sich gesellschaftliche Diskussionen, in denen die moderne Tierhaltung generell in Frage gestellt wird. Die Kritik betrifft die Umweltwirkungen und die Tiergerechtheit der Nutztierhaltung, aber auch die ethische Rechtfertigung des Fleischverzehrs. Im Mittelpunkt stehen die Haltungsbedingungen in der professionellen Landwirtschaft, die als 'Massentierhaltung' stigmatisiert werden. Als Ausweg und als Ideal wird die Tierhaltung im familienbäuerlichen Betrieb gesehen. Die Diskussion ist emotionalisiert und verzichtet oft auf fachliche Beurteilungen der jeweiligen Haltungsbedingungen sowie auf klare Definitionen.

Nachfolgend werden aus Sicht einer nachhaltigen Landwirtschaft die aktuelle Tierhaltung beschrieben, Fehlentwicklungen aufgezeigt und der künftige Trend in der Nutztierhaltung diskutiert (siehe auch beiliegende Manuskripte).

 

1 Wie hat sich die Tierhaltung in Deutschland entwickelt?

Die Landwirtschaft befindet sich seit den 1960er Jahren in einem einschneidenden Intensivierungsprozess. Im Pflanzenbau führte das zu beeindruckenden Ertrags- und Leistungssteigerungen und schnell wachsenden Betriebsgrößen, in der Tierhaltung zu immer leistungsfähigeren und größeren Beständen. Dadurch hat die Produktion von Lebensmitteln nicht nur mit dem rasanten Bevölkerungswachstum Schritt gehalten, sie wurde auch effizienter und die Arbeitsproduktivität vervielfachte sich. Erstmals in der Geschichte konnte die Selbstversorgung sichergestellt werden.  Qualitativ hochwertige und gesundheitlich unbedenkliche Nahrungsmittel sind heute für Jedermann, also auch für Bevölkerungsschichten mit geringem Einkommen erschwinglich und selbstverständlich.

2 Woraus resultieren die zunehmend kritischen Stimmen zur modernen Tierhaltung?

Auf das unzureichende Nahrungsangebot nach dem zweiten Weltkrieg reagierte die Landwirtschaft vorerst mit dem Wiederaufbau der Tierbestände und erhöhte die Leistungen der Tiere. Die damit verbundene intensive Produktionsweise insbesondere in den großen Stallanlagen rückte in das öffentliche Interesse.

Ab den 1980er Jahren mehrten sich die Stimmen, die der Landwirtschaft Versäumnisse und Fehlentwicklungen vorwarfen. In der Nutztierhaltung waren das die Haltungsbedingungen, die mit den Begriffen „Massentierhaltung“, „Qualzucht“ und „Tierquälerei“ und massiven Verletzungen des Tierschutzgesetzes assoziiert werden. Neben fachlich kompetenten Gremien (z.B. Sachverständigenrat für Umweltfragen) sind Vertreter dieser Kritik viele Gruppen mit teils unterschiedlichen Zielen, die ohne einheitliche Definition (was ist Massentierhaltung, was sind Umweltbelastungen?) und mit geringer begrifflicher Klarheit agieren und argumentieren. Sie wollen ein „Zurück“, als Richtungswechsel oder Agrarwende bezeichnet, also zurück zum kleinstrukturierten familienbäuerlichen Betrieb. Dass dieses "Zurück" weder leistbar noch sozial wünschenswert ist, wird ebenso ignoriert wie die damit verbundenen Probleme, z.B. unzureichende Nahrungsmittelbereitstellung, teurere Agrarprodukte und soziale Spannungen. Für die künftige Tierhaltung müssen aber Effizienz, Umweltverträglichkeit und Tiergerechtheit deshalb gleichberechtigte Prämissen bilden (BMEL 2015).

3 Welche Nutztierarten werden in Deutschland und in welchem Umfang gehalten?

Im Jahre 2012 wurden in Deutschland insgesamt 13,2 Mio. GVE[1] (= 0,16 GVE/Einwohner) gehalten, wobei die Rinder und die Schweine über 90 % des GVE-Bestandes ausmachen. Im Gegensatz dazu wurde vor 100 Jahren der Nutztierbestand in Deutschland mit 23,7 Mio. Großvieheinheiten(= 0,35 GVE/Einwohner) angegeben. Bedingt ist dieser drastische Rückgang vor allem durch die Leistungssteigerung, aber auch durch den Verzicht auf Zugtiere. Die Bestände an Rindern, Pferden, Schafen und Ziegen haben stark abgenommen, dafür sind die Zahlen beim Schwein und beim Geflügel gestiegen. Insgesamt aber nahm die durchschnittliche Tierbesatzdichte in GVE/ha und damit der Grundfutterbedarf sowie auch die Menge anfallender organischer Dünger kontinuierlich ab.


[1] 1 GVE ~ Großvieheinheit - 500 kg Lebendgewicht; ganzjährig gehalten. 1 GVE = 0,8 Kühe, 6 Mastschweine, 10 Schafe, 50 Legehennen  etc.

 

4 Es bestehen in Deutschland große regionale Unterschiede bezüglich des Tierbesatzes. Was sind die Ursachen und Folgen?

Theoretisch ist die mittlere Tierdichte in Deutschland mit gegenwärtig 0,68 GV/ha ausreichend, um den aktuellen Bedarf an tierischen Erzeugnissen zu decken. Im Mittel könnten die anfallenden organischen Nährstoffe mit hoher Nutzungseffizienz verwertet werden.

Völlig unstrittig ist dabei die positive Ertragswirksamkeit einer Nährstoffversorgung der Böden und Pflanzen über eine kombinierte organische und mineralische Düngung. Dabei wäre der Grundsatz, dass die im Lande verfügbaren organischen Dünger möglichst auf allen dafür geeigneten Flächen in gleichem Umfang eingesetzt werden, der Garant für die höchste Nutzungseffizienz der Nährstoffe.

Allerdings sind in Deutschland die Tierbesatzdichten extrem unterschiedlich. Während im Osten Deutschlands und in Hessen die Besatzdichten verbreitet unter 0,5 GV/ha liegen, gibt es insbesondere in Nordwest- und Süddeutschland Regionen, in denen die regionale Tierbesatzdichte über 2,5 GV/ha und die betriebliche in der Spitze über 4 GV/ha liegt.
In diesen Regionen sind Tierdichten erreicht, die unter Umweltaspekten kritisch zu sehen sind (siehe ergänzende Manuskripte).

Die Ursache dieser Entwicklung war die regional steigende Nachfrage nach tierischen Produkten durch die schnell wachsenden Rhein-Ruhr-Städte und die wirtschaftlich äußerst erfolgreiche Intensivierung, Konzentration und Spezialisierung. Die enge Verknüpfung mit den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen führte in der gesamten Wertschöpfungskette zu enormen Produktivitätssteigerungen (Tamasy, 2014).

5 Werden diese Tierbestände für die Ernährung der deutschen Bevölkerung benötigt?

Der Selbstversorgungsgrad tierischer Erzeugnisse liegt 2012 für die vier wichtigsten Produkte (Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch sowie Frischmilch bei über 100 %. Eine Ausnahme bilden Eier (72 %), weil sich die Sparte durch das Verbot von Kleinkäfigen in einem Umstrukturierungsprozess befindet.

Somit ist Deutschland bei Fleischerzeugnissen theoretisch autark. Praktisch findet aber ein reger Handel mit speziellen Produkten, aber auch von Tieren statt. Ein steigender Nettoexport und insbesondere an Zuchttieren wird deshalb weiterhin stattfinden.

Die Bestände an Rindern insgesamt und an Milchkühen waren von 2005 bis 2013 konstant, der Milchkuhbestand steigt seit 2013 offensichtlich infolge des Quotenwegfalls wieder an.

Als Folge der BSE-Krise nahmen die Mastrinder- und Schafbestände ab, die Masthähnchenbestände stiegen stark an. Der Legehennenbestand nähert sich nach dem Umstrukturierungsprozess wieder dem vorherigen Niveau an.

6 Wenn Deutschland sich selbst versorgen kann, weshalb werden dann überhaupt neue Ställe gebaut?

Die normative Nutzungsdauer der Stallgebäude beträgt in Deutschland 30 Jahre. Spätestens nach dieser Zeitspanne sollen bestehende Stallanlagen erneuert bzw. ersetzt werden mit dem Ziel,

  • die Haltungsbedingungen für die Tiere und die Arbeitsbedingungen für die Tierbetreuer zu verbessern,
  • die Umweltwirkungen zu minimieren (z.B. Emissionen), und
  • das Wertschöpfungs- und Beschäftigungspotential zu sichern.

Hinzu kommt, dass tierische Produkte international stark nachgefragt werden. Das stellt zweifellos einen weiteren Anreiz dar, die Produktionskapazität zu erweitern.

7 Über Jahrzehnte ist die Milchleistung je Kuh und Jahr ständig gestiegen. Welche Ursachen hat diese Leistungssteigerung?

Ursachen für diese betriebswirtschaftlich notwendige Leistungszunahme sind:

  • Übergang vom Mehrnutzungsrind zum Milchrind,
  • verstärkter Züchtungsfortschritt,
  • Optimierung der Haltungsbedingungen (Großgruppenhaltung in Laufställen),
  • Optimierung der Fütterung,
  • verbesserte veterinärmedizinische Betreuung und
  • Übergang von der Einzeltierfütterung zur Gruppenfütterung (Totalmischrationen)

Das Beispiel einer Milchkuhherde kann die Situation verdeutlichen: Bis 2009 stand die Herde in einem 1970 errichteten Stall, dessen Abmessungen und Stalltechnik dem damaligen Standard entsprachen. Im Mittel der letzten 10 Jahre erreichte diese Herde eine Leistung von etwa 8.000 kg Milch/Kuh und Jahr. Nach dem Umzug der Herde in einen 2010 fertiggestellten modernen Stall stieg die Leistung derselben Tiere bei gleichem Futter und derselben Tierbetreuung um ca. 2.000 kg /Kuh und Jahr an. Diese Tiere reagierten offensichtlich mit der Leistungssteigerung auf die verbesserten Haltungsbedingungen.

8 Weshalb werden die Tierbestände je Anlage immer größer?

Die Tierhaltung unterliegt wie die gesamte Marktwirtschaft einem permanenten Wettbewerbsdruck. Nach wie vor steigen die Preise für Betriebsmittel (Energie, Treibstoffe, Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Maschinen und Ausrüstungen usw.) - ohne jegliche Einflussmöglichkeit der Landwirte - schneller als die Agrarpreise.

Hinzu kommen im Erzeugungsbereich steigende Personalkosten, die sich im Zuge der allgemeinen Lohnentwicklung und infolge der Einführung von Mindestlöhnen erhöhen. In alten Ställen können steigende Kosten immer weniger durch eine steigende Arbeitsproduktivität kompensiert werden.

Das wiederum erfordert Stallneubauten, deren moderne Technologie eine erhöhte Arbeitsproduktivität, vor allem aber verbesserte Haltungsbedingungen für die Tiere und Arbeitsbedingungen für die Menschen ermöglicht. Da der spezifische Investitionsaufwand je Tierplatz mit steigender Bestandsgröße abnimmt, werden im Zuge von Stallneubauten die Bestandsgrößen in den Ställen meist zunehmen.

9 Gibt es Unterschiede bezüglich der Tiergerechtheit zwischen den Tierarten und Nutzungszielen?

In den neuen Ställen werden z.B. die Milchkühe ausnahmslos in Boxenlaufställen mit oder ohne Auslauf bzw. Weide gehalten, womit nach heutigen Maßstäben die Vorbedingungen zu einer tiergerechten Haltung gegeben sind. Bei Zuchttieren gelten Lebensdauer und -leistung als wesentliche Tierwohlkriterien. Anders ist es in der Fleischproduktion (Schweine- Rinder- und Geflügelmast), die auf eine geringe Mastdauer ausgerichtet ist. Die Mastdauer beeinflusst sowohl die Fleischqualität als auch die Effizienz und damit Wettbewerbsfähigkeit und erfordert eine ständige Kompromissfindung. Die Haltungsbedingungen (Stallgrundfläche/Tier, Bodengestaltung, Bewegungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten) werden durch die Tierschutznutztierhaltungsverordnung bzw. durch die Tierschutzleitlinie für Milchkühe des Landes Niedersachsen geregelt. Landesinitiativen wie der Niedersächsische Tierschutzplan, und wirtschaftseigene Initiativen, wie die spezielle Produktionsformen (z.B. „Privathofhähnchen“), Labels wie das zweistufige DTB-TierschutzlabeI und die „Initiative Tierwohl“ des Einzelhandels, müssen in zunehmendem Maße genutzt werden, um die Standards für die Tiergerechtheit stetig zu verbessern. Allerdings benötigen die Tierhalter einen Ausgleich für die Mehrkosten.

10 Wie ist der Zusammenhang zwischen Bestandsgröße und dem Wohlbefinden der Tiere?

Die in Deutschland gehaltenen Nutztiere sind generell in sozialen Verbänden lebende Tiere, womit die Gruppenhaltung eine Voraussetzung für das Wohlbefinden der Tiere ungeachtet der damit möglicherweise wachsenden Verletzungsgefahren ist. Nicht die Bestandsgröße ist entscheidend für das Wohlbefinden, sondern die Gruppengröße, die Gestaltung der direkten Tierumwelt und die Qualität und Intensität der Tierbetreuung. Dafür werden Faktoren, wie Tierkomfort (Gestaltung der Lauf- und Liegeflächen, Stallklima, Beschäftigung), uneingeschränkter Zugang zu Futter, Wasser und Liegeplätzen und ein hoher Gesundheitsstatus (zugleich Ausdruck eines guten Managements), verantwortlich gemacht. Diesbezüglich gibt es keinen Unterschied zwischen großen und kleinen Beständen, wenn die genannten Bedingungen berücksichtigt werden. Neben der Gruppengröße ist der Bewegungsraum der Stalltiere ein wesentlicher Aspekt. Es muss deshalb stets ein Kompromiss zwischen Stallplatzfläche bzw. -gestaltung und Kosten gefunden werden. Z.B. würde eine weitere Vergrößerung der Fläche/Tier in der Schweinehaltung auch die emittierende Fläche mit negativen Auswirkungen auf das Stallklima erhöhen. Die einzuhaltende minimale Flächenausstattung je Tier ist deshalb durch die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung unverzichtbar und verbindlich geregelt. Wichtig ist die Sicherstellung eines adäquaten Verhältnisses der Anzahl Tiere, die von einer Person betreut wird. Mit der Nutzung moderner Technologien (Alarmanlagen, elektronische Einzeltierüberwachungssysteme, Videokameras usw.) ist eine  gute Qualität der Tierbeobachtung und Tierbetreuung auch bei wachsenden Beständen zu gewährleisten.

11 Ist der heutige im europäischen Vergleich relativ hohe Antibiotikaeinsatz pro Tier in Deutschland „Antibiotikamissbrauch“?

Der Einsatz von Antibiotika wurde infolge hoher Wirkungssicherheit in der Vergangenheit weniger hinterfragt und auch in der Veterinärmedizin als im Grunde unverzichtbar etabliert. Bei Auftreten von bakteriellen Erkrankungen gibt es zur Zeit keine Alternativen.

Auch für die Erfüllung von Anforderungen an den Tierschutz und an die Herstellung von sicheren und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln sowie zur Vermeidung der Übertragung von Zoonosen auf den Menschen sind Antibiotika weiterhin erforderlich. Allerdings führt jeder Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier zu einem unvermeidbaren Selektionsdruck hin zu mehr oder weniger bakteriellen Resistenzen nicht nur bei den Krankheitserregern, die man bekämpfen will, sondern auch bei anderen den Antibiotika bei der jeweiligen Behandlung ausgesetzten Keimen (Blaha, 2014).

Diese Tatsache bedingt auch, dass bei jeder antimikrobiellen Therapie in Tierbeständen nicht nur die tierpathogenen Zielbakterien, sondern andere im Tierbestand befindliche Bakterien auch dem Selektionsdruck hin zu resistenten Keimen (z.B. laMRSA und ESBL-produzierende Enterobacteriaceae) unterliegen, die von großer Bedeutung für die Humanmedizin sein können (Blaha, 2014). Deshalb wird jeder nicht erforderliche Antibiotikaeinsatz bei Tieren - wie der beim Menschen - zunehmend kritisch betrachtet.
Die Höhe der angewendeten Mengen von Antibiotika pro Tier ist von Bestand zu Bestand sehr unterschiedlich, wobei dies in aller Regel im Rahmen des gesetzlich Zugelassenen erfolgt. Das mit der 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes vorgeschriebene Antibiotikamonitoring auf Bestandsebene zur Identifizierung von Tierbeständen mit vergleichsweise sehr hohem Antibiotikaeinsatz und der damit geschaffenen Möglichkeit der Antibiotikareduzierung in der Nutztierhaltung ist der richtige Weg zum Erhalt der Wirksamkeit der für die Gesundheit von Mensch und Tier so wichtigen Substanzen. In Folge der gestiegenen Sensibilisierung von Landwirten und Tierärzten wurden 2014 in der Landwirtschaft gegenüber 2011 bereits 408 t weniger antibiotische Reinsubstanzen eingesetzt (Pressemitteilung des BVL vom 28.7.2015). Neben der Senkung der angewendeten Wirkstoffmengen geht es aber auch bei den für die Humanmedizin wichtigen Wirkstoffgruppen Fluoroquinolone und Cephalosporine der 3. und 4. Generation um einen besonders verantwortungsvollen Einsatz beim Nutztier.

12 Gibt es Standards zu Stallplatzgröße und –ausgestaltung? Sind die Rechtsvorschriften zur Tiergerechtheit ausreichend?

Mit den EU-Richtlinien sind für einzelne Tierarten (Kälber (2008/119/EG), Masthühner (2007/43/EG), Legehennen (1999/74/EG), Schweine (2008/120/EG) EU-weite Standards für die Haltungsanforderungen vorgeschrieben. Die Umsetzung der EU-Richtlinien in nationales Recht erfolgt durch die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV), zuletzt geändert am 5.2.2014. So enthält die TierSchNutztV detaillierte Vorgaben zur Haltung von Kälbern, Legehennen, Masthühnern, Schweinen und Pelztieren. Seit August 2014 sind Anforderungen an die Haltung von Kaninchen hinzugekommen. Seit 1.1.2013 gilt z.B. EU-weit das Gebot der Gruppenhaltung tragender Sauen (EU-Richtlinie 120/2008/EG).

Die Haltung von Milchkühen ist bislang weder EU-weit noch in Deutschland (mit Ausnahme von Niedersachsen) im Detail geregelt. In ganz Europa gilt deshalb die `Best-verfügbare-Technik` als Beratungsempfehlung.

Die geltenden Rechtsvorschriften berücksichtigen den Wissensstand und beruhen auf dem Prinzip der Angemessenheit bzw. Verhältnismäßigkeit. Wie alle anderen Rechtsvorschriften erfahren auch die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnungen eine Fortschreibung. Problematisch werden dabei Forderungen, die über den Grundsatz des Wohlbefindens der Nutztiere hinausgehen und z.B. die Nutztierhaltung zur Erzeugung tierischer Produkte generell in Frage stellen.

 

13 Wie hoch ist der viel diskutierte Treibhausgasausstoß der Rinder im Bezug zur Gesamtemission Deutschlands?

 

Deutschland emittierte im Jahre 2010 ca. 954 Mio. t CO2-Äq. Davon entfielen auf die deutsche Landwirtschaft mit 114 Mio. t CO2-Äq ca. 12 % der  deutschenGesamtemissionen (siehe Agrarfakten Treibhausgase). Die gesamte Rinderhaltung in Deutschland emittiert umgerechnet knapp 26 Mio.t CO2-Äq, d.h. 1,8 % der nationalen THG-Emissionen. Davon entfallen knapp 75 % auf die ruminale Emission, ein natürlicher Prozess, der bei allen Wiederkäuern auftritt und durch Gärungsvorgänge im Pansen ausgelöst wird. Eine Abstellung dieses natürlichen Prozesses ist nicht möglich. Auch wenn diese Methanemission "nur" 1,8 % der deutschen Gesamtemission beträgt, so sind doch alle Möglichkeiten zu nutzen, um die Emission zu mindern. Das gelingt durch effizienzerhöhende Maßnahmen (Leistungssteigerung, bessere Reproduktionsraten) und Reduktion überhöhter Tierbesatzdichten. Dabei ist die Leistungssteigerung der effektivste Weg, um die spezifische Methanemission (g CH4/kg Milch) zu senken. Die Tierhaltung ist und bleibt also unvermeidbar mit THG-Emissionen verbunden. In einem vielzweigigen Landwirtschaftsbetrieb mit Marktfrucht- und Futterbau sowie einer Rinderbesatzdichte von z.B. 0,7 GV/ha halten sich die tierischen Emissionen und der jährliche CO2-Entzug der verkauften Nettomarktproduktion in etwa die Waage (THG-Saldo ~ 0). Ein größerer RGV-Besatz[1] führt zu einer höheren Netto-CO2-Emission des Betriebes.

14 Gibt es Möglichkeiten, das Wohlbefinden von Nutztieren objektiv zu beurteilen?

Nachdem in der Vergangenheit Tierschutzdiskussionen vorwiegend nur anhand der Beurteilung der angenommenen Tiergerechtheit der Haltungssysteme („haltungs- und systemorientierte“ Indikatoren wie Buchtengröße, Spaltenbreite usw.) geführt wurden, steht heute die Beurteilung des tatsächlichen Wohlbefindens der Tiere im Vordergrund.

Auf Initiative des KTBL wurden verschiedene Verfahren und eine Liste von „tierorientierten“ Indikatoren zur Analyse und objektiven Bewertung der Tiergerechtheit für die wichtigsten Tierarten zur Diskussion gestellt und veröffentlicht (KTBL, 2015).

Eine konsequente Nutzung von gut objektivierbaren Tierschutzindikatoren wird dazu beitragen, den öffentlichen Diskurs zum Tierwohl zu versachlichen (siehe Breitschuh 2015 und die „Stapelfelder Erklärung“ in beiliegenden Manuskripten).

15 Ist der Begriff „Massentierhaltung“ zielführend?

Ein Begriff ist nur dann zielführend, wenn er definiert und parametrisiert ist und somit geprüft und beurteilt werden kann. Für die "Massentierhaltung" trifft das nicht zu. Der Begriff „Massentierhaltung“ wird in der öffentlichen Debatte benutzt, um das diffuse emotionale Unbehagen zu beschreiben, dass Nutztiere zum Zweck der menschlichen Ernährung gehalten und geschlachtet werden. Mit Ausnahme von Vegetariern und Veganern verzehrt zwar die gesamte Bevölkerung – wenn auch unterschiedlich genussvoll - tierische Produkte, möchte aber keinesfalls das Schlachten von Nutztieren sehen oder gar dafür verantwortlich gemacht werden. (siehe Agrarfakten-Extra Massentierhaltung) Im Rahmen einer Studie wurde von Hörning (2014) der Versuch unternommen, den Begriff „Massentierhaltung“ mit zehn Aussagen zu definieren und zu bewerten. Die sachliche Auseinandersetzung mit dieser Definition erfolgt unter www.agrarfakten.de/Massentierhaltung und belegt die Substanzlosigkeit dieses Begriffes.

 

  16 Fazit

Wer in Mitteleuropa tierische Erzeugnisse verzehrt, nimmt bewusst oder unbewusst in Kauf, dass:

  • Tiere in Ställen (mit/ohne Weidehaltung) zum Zweck der menschlichen ErnährungEs  gezüchtet, gehalten und geschlachtet werden.
  • Emissionen von Treibhausgasen (CO2, CH4, N2O) entstehen und Futter-, Gülle- und Tiertransporte stattfinden.

Wer Nutztiere hält, ist moralisch und gesetzlich verpflichtet, diese umwelt- und tierverträglich zu halten und deren Wohlbefinden zu schützen. In der öffentlichen Debatte stehen die Umwelt- und Tierverträglichkeit in der professionellen Tierhaltung im Vordergrund.

  • Tierhaltung kann nur dann verantwortungsvoll in regionale Stoffflüsse integriert werden, wenn die Tierbesatzdichte je Hektar landwirtschaftlicher Fläche begrenzt wird. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Errichtung von feldnahen Lagerstätten für organsiche Dünger in Ackerbauregionen, um dort vor allem Gülle effizient zu verwerten. Die in Deutschland entstandenen regionalen Disproportionen sind eine entscheidende Ursache für die mittlerweile sehr kritische Haltung der Gesellschaft gegenüber der Nutztierhaltung.
  • Umweltverträglichkeit wie auch Tiergerechtheit können nur erfasst und  bewertet werden, wenn gesellschaftlich konsensfähige Haltungsbedingungen wissenschaftlich begründet sowie rechtsverbindlich geregelt und kontrolliert werden.
    Es ist heute möglich, Landwirtschaftsbetriebe mit geeigneten Verfahren bezüglich Umweltverträglichkeit und Tiergerechtheit objektiv zu analysieren  und zu bewerten. Die dabei sichtbaren Stärken und Schwächen können und sollen die Basis für die in der Gesellschaft erforderliche und wünschenswerte Diskussion über Umfang und Form der Tierhaltung in der europäischen Landwirtschaft bilden.

 

17 Literatur

Blaha, Th. (2014): Antibiotikamengenreduzierung ohne Wirkstoffberücksichtigung und ohne

            Tiergesundheitsmonitoring ist kontraproduktiv. In: GERMAP2012 – Antibiotika-Resistenz und

            -Verbrauch, Verlag: Antiinfectives Intelligence GmbH

BMEL (2015): Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung.
            Gutachten Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung
            und Landwirtschaft; Mai 2015

KTBL (2015): Tierschutzindikatoren – Vorschläge für die betriebliche Eigenkontrolle; KTBL Schrift 507;
            KTBL Darmstadt; 68 Seiten

Tamasy, C.:(2014) Intensivierung der Landwirtschaft im Oldenburger Münsterlan



[1] RGV - Raufutterverzehrende Großvieheinheit (Rinder, Schafe, Pferde)

 

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